Ein Krimi aus der psychiatrischen Praxis

„Gommer Winter“ ist ein Krimi, der auch psychologisch einen stimmigen Plot bietet. Psychiatrische Praxis und das Krimi-Schreiben haben durchaus etwas miteinander zu tun. Zumindest besteht ein lockerer Zusammenhang, wie mir der Psychiater Kaspar Wolfensberger (Bild) in einem persönlichen Gespräch versicherte. Wolfensberger ist auch der Autor des Lokalkrimis „Gommer Winter“. Als Zürcher hat er das Goms als seine zweite Heimat auserkoren. Genau gleich wie der Ermittler a.D. (ausser Dienst), Kauz Walpen in seiner Gommer-Krimi-Reihe.

Ein Psychiater und Psychotherapeut bekommt  in seiner Praxis ein breites Spektrum von Geschichten aufgetischt: unwahrscheinliche, unglaubliche, aber auch banale. Als Krimi-Autor mache er aber das pure Gegenteil, erklärt mir Wolfensberger. Er erfinde Geschichten und Figuren und gestalte daraus eine Story. In „Gommer Winter“ tauchen auch schon mal Ausdrücke aus der psychiatrischen Praxis auf. Eine Figur leidet beispielsweise an einer „Borderlinestörung“, sie ist eine „emotional instabile Persönlichkeit“ oder sie weist „narzisstische Züge“ auf. Bei der Erklärung derartiger Termini hält sich der Autor und Psychiater jedoch bewusst zurück. Er wolle keine Fachdiskussion anzetteln und er wolle auch keineswegs belehrend wirken, meint Wolfensberger dazu.

Wie aber fallen die Reaktionen seitens der Menschen im Goms aus? Schon während er seinen ersten Krimi („Gommer Sommer“) geschrieben habe, da sei ihm vom Verleger die Frage gestellt worden: „Sind Sie sicher, dass Sie sich im Goms noch zeigen dürfen?“ Das Goms, das seiner Krimi-Reihe als Schauplatz dient, kommt nämlich nicht immer gut weg. Das hängt wohl damit zusammen, dass Regio-Krimis grundsätzlich nach der Schwarzweisstechnik arbeiten. Sie können  Lobeshymnen auf die Landschaft und auf die Menschen beinhalten, aber auch negative Klischees und peiorativ zugespitzte Eigenheiten und Charakteren. Doch alle Befürchtungen diesbezüglich seien  unbegründet gewesen, erzählt mir Wolfensberger. Niemand hätte sich „auf den Schlips getreten“ gefühlt. Die guten Landschafts-Beschreibungen und die zutreffenden Charakteren fänden die Gommerinnen und Gommer toll. Die Zustimmung sei für das aktuelle Buch „Gommer Winter“ noch grösser geworden, als sie für „Gommer Sommer“ schon gewesen sei.

Wie lassen sich Einzelheiten aus der regionalen Historie im Krimi verpacken?  Selbstverständlich gelte es zu vermeiden, dass Schilderungen bei den Einheimischen, die ja mit der regionalen Geschichte bestens vertraut sind, sauer aufstossen könnten. Wichtig sei immer der Kontext, argumentiert Wolfensberger. Wenn Walliser mit „Üsserschwizern“ sich unterhalten, dann sei eben die Sprache zuweilen auch etwas flapsig. Dafür gebe es aber auch eine inhaltliche Begründung: Wer sich mit einem grausamen Mord herumschlagen müsse, der verschaffe sich manchmal auch mit flapsiger Sprache und mit satirischen Kommentaren etwas Luft, um sich von der Last der Ermittlung zu befreien, weiss der Autor.

Im Regio-Krimi „Gommer Winter“ verstärkt der Autor das Lokalkolorit noch zusätzlich mit Einsprengseln aus dem Walliserdeutschen. Da kann es schon mal vorkommen, dass es draussen „seikkwaarä“ ist oder dass Einheimische als „durggwiggsti Kärlini“ bezeichnet werden. Ob er mit dem museal anmutenden Demonstrationsdialekt bei der Leserschaft in der übrigen Deutschschweiz punkten möchte? wollte ich vom Autor wissen. Dies würde er bedauern, antwortet Wolfensberger auf meine Frage. Bei den Leuten im Goms habe er sich rückversichert, dass die dialektalen Ausdrücken stimmig sind.

Wolfensbergers spannende Krimi-Reihe mit der Gommer Landschaft als Schauplatz dürfte bald schon eine Fortsetzung erfahren. Nach „Gommer Sommer“ und „Gommer Winter“ dürfen wir uns wohl schon bald auf den „Gommer Herbst“ freuen.

Text und Foto: Kurt Schnidrig

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