Bünzli, Bäbi, Festbrüder und Schafseckel

 

Zürcherinnen sind auch Walliser. So heisst das neue Programm des Trios „Kunststück Frau“. Im Schloss Leuk feierte das Künstler-Trio, bestehend aus Cornelia Heynen-Igler (Texte), Helga Zumstein (Illustrationen) und Marion Sauder (Musik), eine berauschende Premiere. Berauschend war die Premiere einerseits aufgrund der geistvollen Inhalte. Berauschend war sie aber auch durch die zu Kopfe steigende Weinpoesie. Dargereicht in bekömmlich edlen Schlückchen wurde als Vorspiel ein Gedicht von romantischem „Le vin en rose“. Sinnlich abgefedert durch Wort, Bild und Melodie schaukelten wir uns sodann zum Höhepunkt mit animalischem „Born to be wild“.  Leicht verladen von Wein, Weib und Bassistin versuche ich im Folgenden zu kommentieren, was sich in der Erinnerung an eine zauberhafte Soirée noch finden lässt.

Das Wallis ist nun mal ein enges, finsteres Tal. Von solchen und ähnlichen Vorurteilen handeln die Kurzgeschichten über die Walliser. Dabei weiss der ganze Rest der Schweiz, dass nirgendwo das Wetter schöner, trockener und nebelfreier ist als im sogenannt „finsteren Tal“. Dass die Walliser für Ausserschweizer und Grüezini eine dankbare Vorlage für jegliche Arten von Vorurteilen sind, darauf sind wir stolz. Hauptsache, man spricht von uns. Die männliche Form „Walliser“ und „Ausserschweizer“ ist übrigens zwar patriarchalisch, mittlerweile aber grammatikalisch legitimiert. Das „generische Maskulinum“ für alle Geschlechter ist praktisch und macht unangreifbar gegen etwaige feministische Schulmeistereien. Wer es lieber genau hat, der findet präzisere Bezeichnungen in den Kurzgeschichten des 24-seitigen Büchleins „Zürcherinnen sind auch Walliser“. Da heissen Zürcherinnen schon auch mal liebevoll „Bäbi“ und die Walliser ebenso liebevoll „Schafseckel“. Das dritte Geschlecht lässt sich finden in Bezeichnungen wie „das Bünzli“ oder „das Üsserbärgi“. Wir wollen aber jetzt nicht „pingelig“ sein (Zürich) und um Gotteswillen auch kein „Theater machen“ (Wallis). Was ich unter anderem gelernt habe, ist das Folgende.

Das Wallis ist wie New York. Walliser und New Yorker legen ähnliche Verhaltensmuster an den Tag. Schliesslich leben wir in einem überschaubaren Kosmos. Walliser sind „gwundrig“, weiss die Autorin. Des Oberwallisers Kosmos ist zum Beispiel die Quartierbeiz, führt Cornelia Heynen-Igler aus. Die Reaktionen der Stammgäste auf Unbekannte würden in einer Turtmänner Beiz ähnlich sein wie in New York und wohl wie überall auf der Welt.

Der Restaurationsbetrieb namens „Tea-Room“ dagegen soll früher auf Zürcherinnen anscheinend eine magische Anziehungskraft ausgeübt haben. Schuld könnte das Schokoladengetränk „Léco“ gewesen sein, vermutet die Texterin. Warum nur hat man dann „Léco“ von der Getränkeliste gestrichen, frage ich mich, wenn, angelockt und verführt durch das Süssgetränk, sogar Zürcherinnen sich ins enge, finstere Tal wagen? Die Essenz von Walliser Lebensart geschmacklich „amächeliger“ (und auch kostengünstiger!) zu verpacken, das geht doch gar nicht. Oder doch? Doch! In den Siebzigerjahren war das Migros-Wägeli eine Wochenattraktion und gehörte zum Dorfidyll. Einen dieser legendären Migros-Wagen hat die Illustratorin Helga Zumstein künstlerisch in Szene gesetzt (Bild unten).

Walliser sind hintendrein. Der Ausdruck „hintendrein“ ist eine hochdeutsche Entsprechung von wsdt. „hinnena dri“. Die Autorin hat beobachtet, wie die Walliser flexibel vom Heavy-Metal-Konzert zu den Tambouren und Pfeifern überlaufen. Weiteres Beispiel: Walliser hören ab dreissig lieber Schlager, Jodel-, Blas- und Countrymusik, haben ihre Recherchen ergeben. Mag sein. Als Zürcherin muss die Autorin das wissen. Die Rechnung ist schnell gemacht. Was in Zürich vor zehn Jahren up to date war, das wird bei uns Trend. Stimmt haargenau, meine ich. Vor einigen Tagen hat Z’Hansrüedi seine neue Musik-Kassette getauft. Wann war die Musik-Kassette in Zürich up to date? Vor zehn Jahren.

Walliser sind Festbrüder, diagnostiziert die Autorin haarscharf. Das mag stimmen, meine ich. Vor allem Mai und Juni, da ist das Wallis eine einzige Festhütte. Und zwischendurch? Da gehen wir Oberwalliser ins Zürcher Niederdörfli. Wozu auch immer. Vielleicht auch, weil man da mit einem Coca Cola in der Hand so tolle Feste reissen kann (Bild unten, oben). Ja und wegen dem Bezahlen. Im Niederdörfli bezahlt man nur, was man auch selber verdrückt hat. Wir Walliser gehen ins Niederdörfli und schmeissen generös der ganzen Beiz eine Runde: „Äs Tournee fer di ganz Mannschaft!“

Nicht die Karosserie macht den Mann zum Herrn. Ein gelungener Aphorismus aus dem Textheft „Zürcherinnen sind auch Walliser“. Unsereiner ist dankbar für sowas. Wenn die eigene Karosserie nach 50 Jahren… okay nach 60 Jahren einen günstigen Occasionsstatus erreicht, ist man froh um tröstende Worte, die besagen, dass die Karosserie nicht alles ist. Auf die inneren Werte kommt es an, oder? In der Kurzgeschichte „Vom Porsche zum Traktoren“ geht es allerdings nicht um menschliche Karosserien. Es geht darum, dass im Oberwallis auch ein rostiger Traktor es jederzeit mit einem blöffigen Lamborghini, Maserati, Ferrari oder Porsche aufnehmen kann. Bodenständigkeit gegen Zürcher Goldküsten-Bluff. (Wobei ich jetzt nicht sicher bin, ob ich diese Geschichte im Sinne der Autorin korrekt interpretiere. Die mit der Lesung untrennbar verbundene Weindegustation näherte sich nämlich zu diesem Zeitpunkt ihrem wilden Höhepunkt mit dem animalischen Tropfen „Born to be wild“).

Walliser Dialekt dringt wie Schimmel durch weissen Verputz. Fährt ein Oberwalliser nach Zürich, wozu auch immer, dann kann es sein, dass er einem äusserst merkwürdigen Mischdialekt frönt. Die Autorin Cornelia Heynen-Igler hat genau hingehört. Plötzlich geht der Oberwalliser „käffelen“ oder er fragt „würkli?“. Dafür hat die Autorin die treffende Metapher „Walliser Dialekt dringt wie Schimmel durch weissen Verputz“ verbrochen. Liebe Cornelia, du weisst, dass ich dich liebe. ABER: Wie kann man nur den Walliser Dialekt mit „Schimmel“ verbildlichen und den Zürcher Dialekt zu „weissem Verputz“ hochstilisieren? Lass mich erklären. Das Ganze nennt sich „Subsidiärdialekt“. Wer einen Subsidiärdialekt braucht, der ist höflich, zuvorkommend und sprachlich äusserst gewandt. Er / sie tut dies, um verstanden zu werden. Er tut dies vielleicht auch, um seine Herkunft als rückständiger Bergmensch oder als Arme Seele vom Aletschgletscher zu verbergen. Ein Walliser Literat und Dialektologe (der hier nicht namentlich erwähnt sein möchte) hat darüber wissenschaftlich gearbeitet. Wenn der Walliser Dialekt wie Schimmel durch weissen Verputz dringt, dann spricht man von der Tätigkeit des Dusselns. (Dusseln = Reden wie die „dusse“, reden wie die in der Ausserschweiz also). So das wäre geklärt. Wir wollen wieder Hand in Hand gehen, liebe Autorin. Nehmen wir einen letzten Schluck vom animalischen „Born to be wild“. (Bild unten).

Wir haben einen Riesenfilz! Eine bemerkenswerte Beobachtung der Zürcher Autorin. Gut gebrüllt, Löwin! Stimmt haargenau. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land (Wallis). Innerhalb des Kantons schlägt man sich die Köpfe ein, fernab in fremden Landen halten wir Walliser zusammen wie Pech und Schwefel. Oder wie die Sizilianer in Amerika. Oder wie die italienischen Mafiosi im Oberwallis,  die man immer wieder mal verhaftet. Minderheit gegen Mehrheit. Familienbande über alles! Darauf nehmen wir noch einen grossen animalischen Schluck von diesem … „La vie en rose“ – äh, falsch „Le vin en rose“, so muss der edle Tropfen wohl heissen.

Ein Faible für Halbwilde hat die Autorin von „Zürcherinnen sind auch Walliser“. Das Faible trägt sie in sich seit ihrer Jugend im „Züri brännt“ der 1980er Jahre. Wunderbar, das passt. Zürcherinnen haben ein Faible für Aufmüpfige, Revoluzzer, für Walliser. Wir Walliser lieben die Direktheit, das Ungekünstelte, das Erdige. Wir alle sind halt flotte „Schafseckel“ (Zitat). Auf den Punkt gebracht. Das passt schon. Blumen für alle (Bild unten).

Text und Fotos: Kurt Schnidrig

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