Literarischer Höhenflug

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Mit ihrem neusten Werk „Zürcherinnen sind auch Walliser“ gastierte die Damenformation „Kunststück, Frau!“ erstmals in der Deutschschweiz. Das Schloss Lenzburg im Kanton Aargau zählt zu den bedeutendsten Höhenburgen der Schweiz. Auf der Höhenburg geriet der Auftritt der drei Künstlerinnen vor dreihundert geladenen Gästen zu einem literarischen Höhenflug. Die Autorin Cornelia Heynen-Igler trug Texte vor über wechselseitige Vorurteile (Bild oben). Dazu passende Illustrationen der Gliser Künstlerin Helga Zumstein lieferten die inspirierende Bildebene dazu. Mit Melodien von grossem Wiedererkennungswert untermalte die Bassistin Marion Sauder Text und Bild.  Die Performance fand beim Publikum grossen Anklang.

Lebt es sich am Rotten anders als am Zürichsee? Das Werk „Zürcherinnen sind auch Walliser“ wurde nur zwei Tage zuvor im Schloss Leuk vor einem begeisterten Premierenpublikum aus der Taufe gehoben. Nun also der Höhenflug von Schloss Leuk auf die Lenzburg. Wunderschön gewandet wie weiland die Burgherrinnen und Burgfräuleins nahm die Autorin Cornelia Heynen-Igler gleich zu Beginn das 24-seitige Heft fest in die Hand und forderte sowohl die Walliser als auch die Deutschschweizer Gäste augenzwinkernd auf „jetzt ganz, ganz stark“ zu sein. „Man kann nicht über Vorurteile sprechen, ohne die Dinge auch beim Namen zu nennen“, meinte sie lakonisch. Ganz entspannt konnte alsdann das Publikum sowohl über sich selbst als auch über die anderen lachen. Cornelia Heynen-Iglers lebhafter Vortrag, das helle Lachen des Publikums und die dunklen Basstöne von Marion Sauder ergaben eine harmonische Melange, die sich im hohen Schlossgemäuer aufs Klangvollste entfalten konnte.

Helga Zumstein illustrierte die zehn Vorurteile originell und ausdrucksvoll. Wer den Auftritt des Damentrios verpasst hat, der kann zum Glück die Texte im Büchlein „Zürcherinnen sind auch Walliser“ nachlesen. Bereits die Titel der Kurzgeschichten , die von „Kunststück, Frau!“ vorgetragen wurden, stacheln unsere Neugierde an: Walliser sind gwundrig. Walliser sind bodenständig. Walliser sind Festbrüder. Walliser sind Hitzköpfe. Walliser haben Charme. Im Büchlein finden sich weitere originelle Texte mit aussdrucksstarken Illustrationen. Beispiele? Walliser sind kei Bünzli. Walliser sind hintendrein. Walliser sind heimatverliebt. Walliser sind stur. Walliser sind neidisch. Walliser halten zusammen. Meine Empfehlung: Die Texte sind authentisch, aus dem eigenen Erleben heraus, originell, ironisch und mit einer beglückenden Alltagsphilosophie unterlegt. Walliser Literatur vom Feinsten! Unbedingt lesen.

Gesellschaftskritisch wie Frank Wedekind? Beim Besuch auf der Lenzburg entdeckt: Der deutsche Schriftsteller und Schauspieler Frank Wedekind (1864-1918) gehörte mit seinen gesellschaftskritischen Theaterstücken zu den meistgespielten Dramatikern seiner Zeit. 1872 emigrierte die Familie in die Schweiz. Aus Opposition gegen das neu geründete preussisch-deutsche Reich hatte der Vater das Schloss Lenzburg im Kanton Aargau gekauft. Frank Wedekind verbrachte dort seine Jugendzeit. In seinen Theaterstücken übte er scharfe Gesellschaftskritik. Mit seinen Dramen „Frühlings Erwachen“ und „Lulu“ wandte er sich gegen schulische Dressur, bürgerliche Scheinheiligkeit und Prüderie.

Was Cornelia Heynen-Igler von Frank Wedekind unterscheidet, ist dies: Cornelia Heynen-Igler übt Gesellschaftskritik eher hintergründig, ironisch, liebevoll und immer auch gewürzt mit einer Prise Humor. Sie führt literarisch eine feine und sensible Klinge. Dies ganz im Gegensatz zum Haudegen Wedekind, der in seinen literarischen Arbeiten oftmals anstössig, gewalttätig und mit sadomasochistischen Motiven an der Gesellschaft Kritik übte. Nun ja, die Mauern der Lenzburg sind hoch und dick genug, um Plattform und Bühne für beide Literaten zu sein. Der eine hat um 1900 für literarische Höhenflüge gesorgt, die andere befindet sich mit Kurzgeschichten und der bestens aufgestellten Damenformation „Kunststück, Frau!“ auf einem Höhenflug, der motivierend und animierend bestimmt auch die übrige Walliser Literaturszene mit frischem Wind versorgen wird.

Text: Kurt Schnidrig; Fotos: zvg.

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