Mehr Risiko und Nervenkitzel, bitte!

Wieder einmal glücklich gelandet. Ein Restrisiko ist aber immer mit dabei. Ob beim Gleitschirmfliegen (Bild) oder bei anderen riskanten Beschäftigungen. Es geht nicht darum, in einzelnen Momenten alles zu riskieren, sondern vielmehr darum, überhaupt riskant zu leben. Unser Leben braucht mehr Nervenkitzel! Dies fordert die französische Psychoanalytikerin Anne Dufourmantelle. Ein riskantes Leben ist angesagt. Ihr Buch „Lob des Risikos“ ist ein Plädoyer für das Ungewisse. Wir sollen auch Unvernunft und Angst zulassen, und – falls erforderlich – auch unser Leben aufs Spiel setzen.

Wir leben in einer Null-Risiko-Gesellschaft. Wir sind versichert gegen alles, und wir sind abgesichert gegenüber allen Eventualitäten. In unserer Gesellschaft des Null-Risikos werden wir dazu erzogen, bloss nicht zu viel zu wagen. So werden wir genügsam, satt und faul. Eine Flut von selbst ernannten Ratgebern empfiehlt uns „Gelassenheit“ und „Freundschaft mit sich selbst“ – mit fatalen Folgen. Die aktuelle Psychoanalyse spricht davon, dass ein Leben in Gelassenheit und Geruhsamkeit den modernen Menschen in zwei Teile spaltet. Zum einen in ein Vernunftwesen, das alle Risiken zum vornherein ausschaltet. Zum anderen in ein risikoaffines Triebwesen, das den Kick sucht und die ständige Herausforderung. Diese Spaltung des modernen Menschen führe zu einer kollektiven Neurose, schreibt Anne Dufourmantelle. Wir fürchten uns vor unangenehmen Überraschungen, und wir tun alles, damit unser Leben seinen gewohnten Lauf nimmt. Nur ja keine Experimente! So ergreift die Langeweile von uns Besitz. Unsere Zukunft entbehrt jeder Spannung, sie ist eine Fortführung des bereits Bekannten und Erlebten.

Im Namen der Sicherheit tragen wir unsere Freiheit zu Grabe. Wir sichern uns zwanghaft ab gegen alle Unbill des Lebens. Dieses verhängnisvolle Streben nach Sicherheit schürt neue Ängste. Wer sich ein erfülltes und spannendes Leben wünscht, der muss die eigenen Grenzen überschreiten und das Leben in allen seinen Facetten ausreizen. Wer den Gefahren aus dem Weg geht, der hat schon verloren. Wer nur ausgetretene Pfade beschreitet, der brennt aus. Wer sich  nur an das Alltägliche und an das Wohlbekannte klammert, der geht neurotisch, traurig, ängstlich und verzweifelt durchs Leben. Wer jedoch „ausser sich“ ist, wer immer wieder die eigenen Grenzen und Möglichkeiten überschreitet, der bringt sich zwar immer wieder in Gefahr. Jede Gefahr ist aber auch immer eine Chance. Wir wachsen an Widerständen und an Hindernissen. Sie sind es, die unsere Selbstbestätigung und unser Selbstbewusstsein stärken und wachsen lassen.

Eine leidenschaftliche Liebe wagen. Es sei heute zeitgemäss, von niemandem abhängig zu sein, diagnostiziert die moderne Psychoanalyse. Sie fordert uns auf, das Wagnis der Leidenschaft einzugehen. Das bedeutet auch, Schwäche zuzulassen und Kontrolle abzugeben. Viele von uns leiden an einem veritablen Kontrollzwang. In der Therapie muss es darum gehen, sich von diesen Zwängen nach Sicherheit und Kontrolle zu lösen. Im Gegensatz zur bisherigen „Selbstverwirklichung“ empfiehlt die Psychoanalyse nun eine „Selbstauflösung“. Die traditionelle Philosophie betrachtete die Gefühle als ein Übel, das es zu kontrollieren gilt. Gegen diese verkrusteten und verheerenden Auffassungen kämpft die Psychoanalytikerin Anne Dufourmantelle an. Ihre Empfehlung: Das Wagnis eingehen, mehr Risiko nehmen und den Gefühlen freien Lauf lassen!

Wann ist das Risiko zu hoch? Jede und jeder muss selbst entscheiden, wie riskant das Leben sein soll. Wie viel an Leidenschaft und Angst soll man zulassen? Die Psychoanalytikerin Dufourmantelle tritt nicht nur mit einem Buch gegen die Null-Risiko-Gesellschaft an. Sie lebte ihre Philosophie auf tragische Weise auch selber vor. Vor ein paar Monaten rettete sie zwei Kinder vor dem Ertrinken. Dabei ging sie ein zu hohes Risiko ein und starb an Herzversagen. Ihr Buch „Lob des Risikos“ ist soeben posthum erschienen.

Text und Fotos (Symbolbilder): Kurt Schnidrig.  /  Buchcover: www.aufbau-verlag.de

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