Der König des Wallis

Heute war der Dreikönigstag. Bei einem wunderbar mundenden Dreikönigskuchen diskutierten wir eifrig über Dichtung und Wahrheit dieses Festes. Gab es die Heiligen Drei Könige wirklich? Wer waren sie? Woher kamen sie? Wer sind die Könige von heute? Einig waren wir uns schliesslich einzig bei der Frage, wer denn der aktuelle König des Wallis sei. Einer meiner Söhne ist ein begeisterter Berggänger und Kletterer. Er schickte mir ein Foto des „Königs des Wallis“ auf mein Smartphone: Das Bietschhorn wird auch als „König des Wallis“ bezeichnet. Wie es sich geziemt, hatte mein Sohn den „König des Wallis“, das Bietschhorn, mit einer wundervollen goldenen Krone, bestehend aus einem Wolkenkranz in der Abendröte, fotografiert. Doch tauchen wir vorerst ein in die königliche Vergangenheit des Christentums und des Wallis.

Die Könige waren Magier. Als „Heilige Drei Könige“ oder auch als „Weise aus dem Morgenland“ tauchen die drei Gestalten in der Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums (Mt 2 EU) auf. Im griechischen Ausgangstext ist allerdings nicht von Königen die Rede, sondern von Magiern, die durch den Stern von Bethlehem zur Krippe des Jesuskindes geführt wurden. Auch im Neuen Testament werden sie nicht als „Könige“ bezeichnet, und es steht da auch nicht, dass es drei Könige gewesen seien. „Die drei Könige“ entstammen also wohl einer umfangreichen Legendenbildung, die sich bis ins 3. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Die Namen Caspar, Melchior und Balthasar tauchen gar erst in Legenden aus dem 6. Jahrhundert auf. Literarisch gesehen, sind demnach die Heiligen Drei Könige eine Legendenbildung und deshalb rein fiktiv. Trotzdem werden die Heiligen Drei Könige in der katholischen Kirche als Heilige verehrt, und ihr Hochfest ist aus unerfindlichen Gründen das Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanie) am 6. Januar.

Das Wallis als Königreich. Zwar sind die Heiligen Drei Könige einer Legendenbildung zuzuschreiben, sie sind also Dichtung. Wie so oft, sind jedoch Dichtung und Wahrheit eng verbandelt. Dies lässt sich beispielhaft am Wallis zeigen. Im Mittelalter war das Wallis ein Teil des Königreichs Burgund. 515 gründete der Burgunderkönig Sigismund das Kloster Saint-Maurice zu Ehren der Märtyrer der Thebäischen Legion und des Heiligen Mauritius. Um 534 erlitt das Königreich Burgund in der Schlacht von Autun eine militärische Niederlage und wurde (zusammen mit dem Wallis) ins fränkische Königreich eingegliedert. Im Jahr 888 gründete König Rudolf I. im Kloster Saint-Maurice das Königreich Hochburgund. Dieses umfasste auch die Grafschaft Wallis. Die königlichen Träume der Walliser waren jedoch nur allzu schnell ausgeträumt. Nach dem Tod des Burgunderkönigs Rudolf II. heiratete Rudolfs Nachfolger, Hugo, dessen Witwe. Als Königin Bertha erhob sie Anspruch auf das Königreich Hochburgund. König Hugo und Königin Bertha stützten sich im Rhonetal vor allem auf die Hilfe der Sarazenen. Die arabischen Sarazenen-Krieger plünderten 939 die Abtei Saint-Maurice. Im Jahr 999 überliess der letzte Burgunderkönig Rudolf III. die Grafschaft Wallis dem Bischof Hugo von Sitten als Lehen. Das Wallis war fortan dem Fürstbistum Sitten zugewiesen . Doch dann, etwa um 1032,  wurde das Wallis ein Teil des Heiligen Römischen Reichs. Der Bischof von Sitten wurde gleichzeitig weltlicher Reichsfürst. So blieb das Wallis reichsunmittelbar. Die Träume von einem Walliser Königreich waren damit ausgeträumt.

Walliser König mit Hofstaat. Der einzige Walliser, der sich in den Rang eines Königs hochdiente, war Cäsar Ritz. Er verdiente sich die Bezeichnung „König der Hoteliers“. In Niederwald wurde am 23. Februar 1850 ein Bauernbub geboren, der die prächtigsten Hotels der Welt erschaffen sollte. Die Ritz-Hotels stehen bis heute für Eleganz und LuxusDie César Ritz Colleges Switzerland haben ihrem „König der Hotellerie“ in Brig ein Denkmal errichtet.

Der König des Rhonetals. Der wahre König des Wallis ist jedoch das Bietschhorn. Man sieht das Bietschhorn vom Lötschental, von Bürchen, von Visperterminen aus. Und sogar von Martinach aus betrachtet, ist der Gipfel unvergleichlich und imposant. Für die Bergsteiger bietet „der König des Wallis“ fantastische Erlebnisse. Besonders der Westgrad des Bietschhorns ist extrem lang. Der Schwierigkeitsgrad ist so hoch, dass nur Bergprofis den Aufstieg einigermassen mühelos überstehen. Bergsteiger in Hochform schaffen den Auf- und Abstieg in rund zwölf Stunden. Wer den „König des Wallis“ bezwungen hat, der darf sich zu Recht „königlich“ fühlen. In seinen Adern fliesst fortan blaues Blut.

Text und Fotos: Kurt Schnidrig.

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