Hollywoods Retro-Patriotismus

Grosse Überraschung gestern Nacht bei der Oscar-Verleihung. Die Rassismus-Roadmovie „Green Book“ ist am Sonntagabend in Hollywood zum besten Film gekürt worden. Die Komödie erzählt von der Freundschaft eines schwarzen Pianisten und seinem weissen Fahrer. Die Geschichte spielt in der Zeit der Rassentrennung in den Südstaaten der USA. Ist die Wahl als Plädoyer für mehr soziale Gerechtigkeit im Trump-Zeitalter zu verstehen?

Ein patriotischer Film soll die USA einigen. Ehemals galten die USA als „Land of the Free“. Seit der Wahl von Donald Trump riskieren jedoch Errungenschaften wie die Überwindung von Rassismus oder auch die Gleichberechtigung der Geschlechter pervertiert zu werden. Unter der Trump-Regierung ist das gesellschaftliche Schichten-Denken plötzlich wieder aufgetaucht. Hollywood reagiert darauf mit Filmen, die vor fünfzig Jahren spielen, was sich mit dem Begriff „Retro-Patriotismus“ umschreiben lässt. Mit „Green Book“ von Produzent Peter Farrelly und dem Regisseur Barry Jenkins sollen Gräben zugeschüttet werden, welche die Trump-Regierung ausgehoben hat. Diese patriotische Haltung ist erstaunlich, galt doch die Traumfabrik Hollywood bis anhin eher als linkslastig. Ob die Geschichte einer Freundschaft zwischen Weiss und Schwarz, die sich während der Bürgerrechtsbewegung in den Jahren zwischen 1955-1968 in den USA manifestierte, das politische Klima verbessern kann?

Politisch und humorvoll. Dass politisches Engagement und humorvolle Unterhaltung sich durchaus vertragen, auch das beweist „Green Book“. Im „besten Film des Jahres“ engagiert der Jazzmusiker Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) den ungehobelten und rassistischen Italo-Amerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen) als Fahrer. Während der Konzert-Tournee durch die segregierten Südstaaten soll der Fahrer den Pianisten von all den drohenden rassistischen Gefährdungen fernhalten. Auf der Tournee kommen sich der Bedienteste und der Künstler menschlich näher. Sie begreifen, wie abwegig und unmenschlich die herrschende Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe und sexueller Orientierung sind. Die mehrmonatige Tournee führt das ungleiche Paar vom liberalen New York bis hinunter in den konservativen Süden der USA, wo die strikte Rassentrennung immer noch gelebt wird.

Der Film kommentiert die Aktualität. Regisseur Barry Jenkins versteht seinen Film „Green Book“ als einen Kommentar auf den wieder aufflammenden Rassismus in den USA. Dies ganz nach dem Motto: Was früher schon mal funktioniert hat, müsste auch heute wieder möglich sein. So basiert „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ auf einer wahren Begebenheit. Im Jahr 1962 ging der geniale Pianist Dr. Don Shirley auf US-Tournee und engagierte dafür einen Chauffeur namens Tony Lips. Pikantes Detail allerdings: In der Wirklichkeit hat Don Shirley seinen Chauffeur nie als Freund betrachtet. Braucht es demnach die filmische Fiktion, um den US-Amerikanern eine Freundschaft über Rassenschranken hinweg vorzuleben? So gesehen kündet sich in der Traumfabrik Hollywood ein politisches Umdenken an. Trotz leisem Humor und trotz unterhaltenden Szenen ist Regisseur Barry Jenkins ein Porträt des alltäglichen Rassismus gelungen, das nachdenklich stimmt.

Und der „Leukerbadner“ James Baldwin? Die Adaption des Romans „If Beale Street Could Talk“ des afroamerikanischen Schriftstellers und Sozialkritikers James Baldwin – er wohnte und arbeitete während Jahren in Leukerbad – bedient ebenfalls das aktuelle Rassismus-Thema in den USA. Weil mit „Green Book“ bereits ein thematisch ähnlich gelagerter Film obenaus schwang, könnte vielleicht deshalb die Krönung der Baldwin-Verfilmung vereitelt worden sein? Immerhin erhielt die afro-amerikanische Darstellerin Regina King aus der Baldwin-Verfilmung den Oscar als beste Nebendarstellerin.

Text und Foto (Symbolbild aus New York): Kurt Schnidrig.

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