Labile Kommissare

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Psychisch kranke Kommissare ermitteln im deutschen Krimi. Viele Kommissare sind beziehungsunfähig, süchtig, traumatisiert – oder gar alles gleichzeitig. Peter Faber aus dem sonntagabendlichen Fernsehkrimi „Tatort“ ist ein Beispiel dafür. Auch Ermittlerin Lena Odenthal ist nahe dem Burnout. Der Job bedeutet ihr alles. Die Ermittler in den TV-Krimis definieren sich lediglich über Leistung und Erfolg. Sie fürchten bei Erfolglosigkeit ihren Job zu verlieren. Damit sind die Voraussetzungen gegeben, dass Ermittler auch zu Tätern werden können.

Früher waren die Ermittler integer. Sie liessen sich nichts zuschulden kommen. Der Trend, labile Kommissare in TV-Serien ermitteln zu lassen, war zuerst in amerikanischen Streaming-Serien aufgekommen. Die ursprüngliche Idee dabei war, die Krimis psychologisch interessanter und vieldeutiger zu gestalten. Nun ist der labile Ermittler auch im deutschen Fernsehen angekommen. Wo nur ist der lässige und entspannte Ermittler im Stile eines James Bond oder eines Sherlock Holmes geblieben?

Im Sherlock-Holmes-Museum in London kann sich jedermann als Sherlock Holmes verkleiden, in dessen Stuhl vors Kamin setzen und sich in die Person des autoritären und absolut integren Meisterdetektivs einfühlen. Bei meinem letzten Besuch habe ich mir diese Möglichkeit nicht entgehen lassen (Bild). Die Autorität und die Professionalität des Meisterdetektivs war derart beeindruckend und überzeugend, dass seine Arbeitsmethode, die auf detailgenauer Beobachtung und nüchterner Schlussfolgerung beruht, die Kriminalistik auch im wahren Leben befruchtet hat.

Die psychische Gesundheit der heutigen Fernsehkommissare ist nun auch zur Chefsache geworden. Dr. Eva-Maria Fahmüller, die Vorsitzende des Verbands für Film- und Fernsehdramaturgie, hat selber 136 deutsche Fernsehfilme bezüglich der Darstellung von labilen Kommissaren und Psychopathen untersucht. Sie kommt zum Schluss, dass die kriminelle Figur zumeist männlich ist. Auch Ermittler verfügen heute über kriminelle Energien. Der Täter in den Krimis tritt häufig auf als Serienmörder, Sadist, Vergewaltiger oder Stalker.

Moderne Krimis vermitteln eine falsche Vorstellung. Sie bestätigen das Vorurteil, dass Menschen mit einer psychischen Störung gewalttätig sind.

Text und Foto: Kurt Schnidrig



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