Ganzheitliches Denken

Zeugen der Vergangenheit erzählen Geschichten. Auch das Büchhüs im idyllischen Weiler Lingwurm City. Es wird für einen Spottpreis veräussert. (Foto: Kurt Schnidrig)

Die Vergangenheit erzählt Geschichten. Das Wort „Kultur“ leitet sich ab vom lateinischen Wort „colere“, was so viel bedeutet wie „bebauen, pflegen“. Wenn wir unsere Vergangenheit zerstören, dann demontieren wir auch unsere eigene Geschichte, das, was uns ausmacht. Und wir pfeifen auf das, was unser Menschsein wesentlich bestimmt, unsere Kultur. Damit dies nicht geschieht, braucht es ein ganzheitliches Denken.

Die Magie eines idyllischen Weilers. Auf meinem Weg nach Hause wandere ich jeden Tag durch den idyllischen Weiler Lingwurm. Jedes Mal umgibt mich die Magie dieses so romantischen Weilers. Am Wege taucht zuerst die Kapelle auf, dann der Brunnen, schliesslich das Büchhüs. Das alles habe ich lieb gewonnen und in mein Herz geschlossen. Wenn ich aus dem lauten Tal oder gar aus irgendeiner Weltstadt nach Hause zurückkehre, dann gehe ich zu Fuss nach Hause. Die vertrauten Gebäude am Wege erzählen ihre Geschichten. Spätestens im Weiler Lingwurm habe ich die laute Welt abgeschüttelt, und ich finde meine Ruhe wieder.

Das letzte Büchhüs erzählt seine Geschichte. Früher gab es in jedem Weiler so ein „Büchhüs“. Die Büchhiischer wurden bis nach dem Zweiten Weltkrieg genutzt als Waschhaus für die grosse Wäsche, andererseits aber auch als Schlachthaus. Zuweilen wurde darin gar Schnaps gebrannt. Und dem Militär dienten sie während des Zweiten Weltkriegs als Küche. Viel mehr als jedes dicke Geschichtsbuch hätte also das letzte Büchhüs im Weiler Lingwurm zu erzählen. Unseren Lebensraum ganzheitlich zu betrachten und auch die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt zu verstehen – das ist zweifellos nicht jedermanns Sache. Aber immerhin haben es am Brigerberg ein paar ganzheitlich denkende Bürgerinnen und Bürger versucht. Eine Projektgruppe „Büchhüs Lingwurm“ formierte sich, und der Kulturwissenschaftler Dr. Klaus Anderegg arbeitete eine grossartige Dokumentation aus, ein Projektdossier, das aufzeigt, wie eine Sanierung des Büchhüs einen unschätzbaren Beitrag leisten könnte zur Erhaltung einer vielfältigen und dynamischen Kulturlandschaft.

Eine grandiose Idee: Das Büchhüs am Stockalperweg als Freilichtmuseum dem Publikum zugänglich machen, gewissermassen als „Antenne des Ecomuseums Simplon“! (Foto: Kurt Schnidrig)

Eine grandiose Idee! Vertieft man sich in das Projektdossier des Kulturwissenschaftlers Dr. Klaus Anderegg, dann ist man fasziniert und eingenommen von diesem Weitblick, von dieser fantastischen und spannenden Idee, den Heutigen ein Bauwerk als Freilichtmuseum zugänglich zu machen, das seinesgleichen sucht. Erste Sanierungsarbeiten hätten das Mauerwerk betroffen. Die Bruchsteinmauern ausbessern, teilweise neu aufmauern; das Mauerwerk verputzen; einen neuen Dachstuhl aus luftgetrocknetem Lärchenholz konstruieren; dem Dach eine Dachhaut aus gebrochenem Schiefer überziehen; das Büchhüs neu mit Strom und Lichtinstallationen erschliessen. Die Initianten sahen also vor, das Büchhüs in seiner ursprünglichen Gestalt wieder herzustellen.

Wie haben unsere Altvorderen gelebt? Um zu zeigen, wie unsere Mütter und Väter noch gewaschen, gemetzget und Schnaps gebrannt haben, hätten die Initianten im historischen Waschhaus die entsprechenden Objekte und Werkzeuge installiert. Zur originalen Installation eines Büchhüses hätte etwa das Folgende gehört: Ein gemauerter Ofen mit einem Wasserbecken und einem Feuerloch; eine „Bicki“, also ein Holzbottich, in dem die Aschenlauge für die Wiederverwertung aufgefangen wird; ein Einweichtrog aus einem ausgehöhlten Baumstamm, in dem die Wäsche am Vorabend des Waschtages in Wasser eingeweicht und am Waschtag ein erstes Mal mit heisser Lauge übergossen wird; ein Spültrog, in dem die Wäsche gespült und dann auf das Tropfbrett zum Verrinnen gelegt wird. In der Art eines Freilichtmuseums hätten Führungen stattgefunden, Bild- und Texttafeln und eine Tonbildschau hätten Informationen vermittelt über das Waschen und Schlachten in früherer Zeit. Hätten!

Blick aus dem Fenster des historischen Büchhüs im Weiler Lingwurm: Ein Zeitzeuge wird zerstört. (Foto: Kurt Schnidrig).

Ein Zeitzeuge wird zerstört. Initianten und Freiwillige hätten sich bei der Sanierung zur Verfügung gestellt. Generationen von Schülerinnen und Schülern hätten einen Einblick bekommen in das harte, aber auch idyllische Leben ihrer Grossmütter und Grossväter. In seinem ausführlichen Sanierungskonzept aus dem Jahr 2016 hat der Kulturwissenschaftler Dr. Klaus Anderegg die Renovation und die museale Einrichtung des Büchhüs mit total 120’000 Franken budgetiert. Ein Pappenstiel für eine reiche Gemeinde. Die Gemeinde informiert: „Da kein Nutzungskonzept vorliegt, hat der Gemeinderat beschlossen, dieses (…) zu verkaufen. Die Liegenschaft wird zum Pauschalpreis von Fr. 12’000.- veräussert. Bei der Parzelle handelt es sich um eine Ruine.“ (Aus: Ried-Briger Ziitig, Nr. 20, Seite 5).

Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen, hat Susannah Walker ein berührendes Buch geschrieben. Sie ist Designerin und hat als Kuratorin am berühmten Victoria and Albert Museum in Kensington, West London, gearbeitet. Sie beschreibt, wie allen Dingen, die wir zurücklassen, eine Magie innewohnt. Auch Gebäude erzählen aus ihrem früheren Leben. Es ginge eigentlich nur darum, einen persönlichen Zugang zu erschliessen. Die Gegenstände wehren sich gegen das Vergessen. Plötzlich erzählen sie aus unserem eigenen Leben. Einer psychologischen Tiefenbohrung gleich stellen sie unser eigenes Leben zur Debatte.

Text und Fotos: Kurt Schnidrig

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