Mein Freund, der Baum

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Mitten in unserem Dorf steht eine uralte Linde. In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen. Der Dichter Hesse schrieb: „Bäume haben lange Gedanken, langatmige und ruhige, weil sie ein längeres Leben haben als wir.“ Und: „Wandersehnsucht reisst mir am Herzen, wenn ich Bäume höre, die abends im Wind rauschen.“ Immer, wenn ich lange weg war, komme ich zurück und dann führt mich mein Spaziergang zur uralten Linde. Die Poesie über Bäume durchzieht die deutsche Literaturgeschichte, von Goethe über Tieck und Eichendorff bis zum aktuellen Gedichtband von Svenja Herrmann mit dem Titel „Die Ankunft der Bäume“.

Unter der alten Linde geht mir das sentimentale Alexandra-Lied in leicht abgewandelter Form durch den Kopf: „Ich wollt dich längst schon wieder sehen, mein alter Freund aus Kindertagen. Ich hatte manches dir zu sagen und wusste, du wirst mich verstehen. Als kleiner Junge kam ich schon zu dir mit all den Kindersorgen. Ich fühlte mich bei dir geborgen und aller Kummer flog davon. Hab ich in deinem Arm geweint, strichst du mir mit deinen Blättern übers Haar, mein alter Freund, mein Baum.“

Kürzlich geriet das Buch eines Försters aus einem kleinen Dorf in der Eifel zu einem Weltbestseller. Sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“ wurde fast 200’000 Mal verkauft. Inzwischen ist das Buch in ein Dutzend Sprachen übersetzt worden und in ebenso vielen Ländern auf der Bestseller-Liste. Förster Wohlleben – so sein Name – ist ein Baumflüsterer. Er ist einer, der Bäume umarmt, der mit ihnen spricht, die ihn umarmen. Förster Wohlleben nennt Bäume auch mal „Muffel“, „Eigenbrötler“ und „Dickköpfe“. Er hört die Bäume miteinander kommunizieren, ja, er glaubt fest daran, dass Bäume so eine Art „Gruppenkuscheln“ praktizieren. Auch eine Art von „pädagogischer Erziehung“ will er unter Bäumen schon beobachtet haben.

In der Literaturgeschichte nimmt die Poesie der Bäume einen wichtigen Platz ein. Ludwig Tieck, der Romantiker, schrieb über den Rückzugsort Wald: „Erst unter dem Blätterhimmel wird der Mensch zum Menschen“. Hermann Hesse schrieb Betrachtungen und Gedichte über Bäume, etwa das Gedicht „Sommermittag:“ „Die Linden und Kastanien hundertjährig, atmen und rauschen sacht im Wind. (…) Wir sitzen lang im Schatten, ein Buch im Schoss, geblendete Augen senkend, freundlich gewiegt vom sommerlichen Heute.“

Soeben erschienen ist der Gedichtband „Die Ankunft der Bäume“ von Svenja Herrmann. Die Autorin, die in Oberägeri aufwuchs und heute in Zürich lebt, ist Germanistin, Literatur-Vermittlerin und Lyrikerin. Sie schreibt in freien Rhythmen, ihre Texte sind nicht gereimt. Svenja Herrmanns neue Gedichte entstehen an der Schnittstelle zwischen der bedrohten Natur und unserer Zivilisation. An der Schnittstelle zwischen Natur und Zivilisation leben Sehnsüchtige und Einsame. Es sind dies jedoch häufig besonders glückliche Menschen.

Momente des Glücks scheinen auf, wenn die Natur sich für einmal gegen die Zivilisation behauptet und durchsetzt. Hermann Hesse schreibt: „Wenn ein Baum umgesägt worden ist und seine nackte Todeswunde der Sonne zeigt, dann kann man auf der Scheibe seines Stumpfes und Grabmals seine ganze Geschichte lesen: in den Jahresringen und Verwachsungen steht aller Kampf, alles Leid, alle Krankheit, alles Glück und Gedeihen treu geschrieben, schmale Jahre und üppige Jahre, überdauerte Angriffe, überdauerte Stürme.“ 

Mein Freund, der Baum. Der Wald als Rückzugsort. Viele Städter rollen müde ihre Yogamatten unter Bäumen aus, ausgebrannt von der Hektik und der Unpersönlichkeit des modernen Lebens. Sie alle suchen Gelassenheit unter Tannen und Linden. Denn erst unter dem Blätterhimmel werde der Mensch zum Menschen, geben sich die neuen Romantiker überzeugt.

Text und Foto: Kurt Schnidrig

Literatur: Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume. Ludwig Verlag. 336 Seiten; Hermann Hesse: Bäume. Insel Verlag. 141 Seiten;  Svenja Herrmann: Die Ankunft der Bäume. Wolfbach Verlag. 80 Seiten.

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